Skurrile Welt der Sammlerwut

Skurrile Welt der Sammlerwut
Skurrile Welt der Sammlerwut

Die Ortschaft Myschkin ist winzig, das örtliche Museum ebenfalls. Doch Museumsgründer Wladimir Gretschuchin nutzt jeden Kubikzentimeter Raum, und was der leidenschaftliche Sammler im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen hat, entführt den verzauberten Besucher in einen Bonbonladen der Historie.

Wer von Jaroslawl kommt, erreicht das Städtchen Myschkin über eine ruhige xvideos Landstraße, die abrupt am Wolgaufer endet. Eine Brücke wurde hier noch nicht gebaut. Wer in die verschlafene Ortschaft jenseits des Flusses gelangen will, der muss sich erst mal an den örtlichen Rhythmus gewöhnen und auf die Fähre warten. Wenn einen das rostige Ungetüm am anderen Ufer absetzt, sind es nur wenige Meter bis zum Marktplatz von Myschkin. Doch der interessierte Besucher braucht dafür Stunden, denn auf dem serviporno Weg zum Stadtzentrum wird sein Blick von zwei großen Schiffen gefangen, die links hinter einem Bretterzaun auf dem Trockenen liegen. Die Suche nach einer Erklärung für das schildbürgerliche Verhalten der Wasserfahrzeuge führt einen durch das geöffnete Tor direkt in das Ortsmuseum von Myschkin.
Übersetzt man den Städtenamen „Myschkin“ übrigens buchstäblich, dann befindet man sich hier in Mäuschens Stadt, und somit eben auch in Mäuschens Museum. Und tatsächlich ist dieses von der Fläche her winzig. Es besteht nur aus vier youporn kleinen Räumen in einem alten Holzhaus. Auch kann es nicht mit einzigartigen Ausstellungstücken faszinieren.

Skurrile Welt der Sammlerwut

Gleich am Eingang hängt als Mahnmal ein Schild, auf dem geschrieben steht, dass die wertvollsten Gegenstände des Museums, alte Ikonen, gestohlen wurden. Der Besucher, der die großen Schiffe im Museumsgarten vielleicht schon wieder vergessen hat, macht sich also auf ein ärmliches Provinzmuseum gefasst. Doch mit dem Schritt über die Schwelle betritt er youjizz ein magisches Reich.

Schwer glaublich ist, was Museumsgründer Wladimir Gretschuchin und sein Team mit ihrer Sammlerwut und unermüdlichem Enthusiasmus alles zusammengetragen haben. Der größte Saal – eigentlich ein dunkles Zimmer von vielleicht 20 Quadratmetern Fläche – ist dem Leben vor der Revolution gewidmet. Auf engstem Raum findet man hier einen Bücherschrank, Ikonenleuchten, Waffen, Sessel, Dutzende von alten Schokoladenpapieren, Geld, Regenschirme, Bügeleisen, Tassen, Teekannen und andere tausend Kleinigkeiten, die den Alltag ausmachen. Man fühlt sich sofort wie ein kleines Kind in einem Spielzeugwarenladen. Am liebsten möchte man alles gleichzeitig ansehen und berühren.

Skurrile Welt der Sammlerwut

Das zweite Zimmer berichtet von der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Da hängt zum Beispiel eine deutsche Wasserflasch redtube e an der Wand, daneben ein riesiger Holzpropeller eines Flugzeugs, Fahnen, Porträts von sowjetischen Kriegshelden, Gewehre und Telefone. Auch hier wird jeder Zentimeter genutzt.
Der dritte Saal ist der Religion gewidmet. Die Sonne vor den Fenstern bricht sich an Kirchenreliquien und taucht den Raum in ein unwirkliches Licht. Die Heilligenstatuen und Kreuze lassen den Besucher einen Augenblick lang in Ehrfurcht erstarren.
Zum Museum gehört außerdem ein Garten von fast drei Hektaren, in dem echte alte Holzhäuser, Kapellen, die bereits erwähnten Schiffe und Oldtimer stehen. Hier entdeckt man auch gleich des Museumsdirektors Liebstes: geschnitzte Fensterrahmen. Sie sind dicht an dicht an jede freie Stelle eines endlos scheinenden Holzzauns genagelt. Etwas versteckt liegt in der hintersten Ecke im wahrsten Sinne des Wortes ein Müllhaufen der Geschichte: die Skelette von XXX Kirchenkuppeln, alte Samoware, verrostete Grabkreuze, alles wartet in einem wilden Durcheinander darauf, endlich restauriert zu werden. Die Sammlung gleicht einem wild gewachsenen Fabelwesen und hat so gar nichts gemeinsam mit jenen angeblich lehrreichen Museumsausstellungen, die dem Besucher so oft ein verstohlenes Gähnen entlocken.
Museumsgründer Gretschuchin entdeckte schon in seiner Jugend die Liebe zum Musealen und gründete ein Schulmuseum, das allerdings wieder geschlossen wurde, als er die Schule verließ. Gretschuchin ließ jedoch nicht locker und pornhub ertrotzte, nachdem er vom Militärdienst in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, von der Stadtverwaltung einen Raum für sein Volksmuseum. Dieses musste mehrmals den Standort wechseln, bis es schließlich in einem schmucken Holzhäuschen etwas unterhalb des Marktplatzes eine feste Bleibe fand. Für die Zukunft plant Gretschuchin nun, den musealen Geist in das Stadtzentrum herauszutragen, so dass bald auch dieses den Charme von Mäuschens Museum versprühen wird.

Schnitzeljagd auf Rädern

Schnitzeljagd auf Rädern
Schnitzeljagd auf Rädern

Es knackt im Bordlautsprecher des Charterfliegers. Das ist die Stewardess mit dem Wetter am Zielort Murmansk: „Wolkenlos, windstill, minus 26 Grad.“ Mittags wohlgemerkt. Von Reihe eins bis vierzig horchen alle auf, dass man es hört. Räuspern, Kichern, Seufzen. Aber weil es sich um eine Ladung Moskauer Journalisten handelt, deren Auftrag darin xvideos besteht, die Exotik eines zweiwöchigen Autorennens durch Schnee und Eis einzufangen, finden die meisten umgehend Gefallen an den Temperaturen. Je extremer, desto genehmer. Am Abend werden Westen und Jacken ausgeteilt für Reporter, die bei ihren ersten Interviews mit den Teilnehmern blau anzulaufen drohten.
Die Medien haben sich auf Anhieb in die „Expedition Trophy“ verliebt, deren Premiere soeben zu Ende gegangen ist. Kein Wunder: 12000 Kilometer im Geländewagen von Murmansk nach Wladiwostok, vom Nordwesten in den Südosten, vom Eismeer zum Pazifik sind der Stoff, aus dem die Träume sind – für die 34 gestarteten Mannschaften, aber auch für youporn Motorsportler im Geiste. Und so servierte der Privatsender NTW allabendlich ein paar Minuten Abenteuerromantik von der Strecke. Die Teams (jeweils fünf Männer und eine Frau) aus dem In- und benachbarten Ausland dampften regelrecht vor Emotionen und waren dankbar dafür, sich mitteilen zu dürfen. Sogar die nach dem Reglement von Etappe zu Etappe als Letztplatzierte Ausgeschiedenen wollten kein Trübsal blasen. Wiktor Schurawljew von „Adrenalin“ aus Kiew in Anspielung auf die Siegprämie von 15 Kilo Gold: „Uns ging’s doch nicht ums Gold, sondern die Eindrücke. Schauen Sie auf unseren Namen! Adrenalin ist jede Menge geflossen.” Für redtube manche waren die körperlichen Herausforderungen dabei noch die geringste Schwierigkeit. Das Moskauer Team FDA meldete sich bei Halbzeit der Tour von sich aus ab, weil sich die Mitglieder nicht mehr riechen konnten. Auch deshalb sagt Rennkommissar Alexander Dawidow: „Bei uns entscheidet der menschliche Faktor, nicht die Technik.“
Die Rallye ist groß gedacht und groß gemacht. Sie zielt aber auch sehr hoch. Dawidow, der schon als Teilnehmer an der „Camel Trophy“ Erfahrungen sammelte: „Wir wollen das Russland jenseits von Matrjoschka, Samowar und neuen Russen xnxx zeigen.“ Das Russland, in dem Enthusiasten mit Initiative eine Veranstaltung von internationalem Format auf die Beine stellen und dennoch eigene Wege beschreiten. Hinter dem Projekt steht der Moskauer Klub „Expedizija“, der Großstädtern das Erlebnis Natur vermitteln möchte, auch ein Restaurant für nordische Küche unterhält, eine Outdoorzeitschrift herausgibt und die vielleicht engagierteste Webseite im ganzen Land betreibt (www.dorogi.ru). Wie er die Kosten des Rennens, von Dawidow mit „mehr als einer Million Dollar und weniger als fünf“ beziffert, refinanziert, ist nicht ganz klar. Der Generalsponsor, eine Firma für Camping- und Schaschlykbedarf, passt zwar zum Konzept, ein Millionen-Werbe-Budget hätte bei ihr jedoch niemand vermutet.

Schnitzeljagd auf Rädern

Startgebühren wurden jedenfalls keine verlangt. Teilnehmen an der „Expedition Trophy“ soll nämlich jeder können, wobei das Team in der Lage sein muss, zwei Geländewagen zu mobilisieren. Keine Glitzersänften, wie sie sich in Moskau epidemisch zu vermehren scheinen, sondern Arbeitspferde, die etwas aushalten können. Bei der Rallye haben japanische Fabrikate dominiert, Allradler vom Band, aufgerüstet mit Satellitennavigation, Schnorchel und ähnlichem. Ein paar russische Modelle waren auch dabei, wie der UAS 469B von Jurij Sanin: „Baujahr 1975, ein Veteran. Aber zäher als alle modernen Jeeps hier.“
Aufgebaut ist die porno Trophy im Stile einer Schnitzeljagd, mit Sonderaufgaben im Gelände, die den Mannschaften Orientierungs- und Koordinationsvermögen abverlangen. Nur kluges Manövrieren über die Dörfer führt zum Erfolg. Und weil die Straßenkarten allgemein zu wünschen übrig lassen, wird die interessierte Landbevölkerung oft mit einbezogen in die weitere Streckenplanung. So mancher Babuschka waren schon wichtige Tipps zu verdanken.
Nächstes Jahr will sich die Rallye für Bewerber aus aller Welt öffnen. Rennleiter Alexander Krawzow: „Wir hoffen, dann auch drei bis vier Teams aus Deutschland hier haben.“ Einziger „Nemez“ war diesmal Eugen Rudy, russlanddeutscher Kraftfahrer aus Ludwigsburg, in einer Moskauer Mannschaft. Der 29-Jährige wuchs in Kasachstan auf, lebt aber schon so lange in Deutschland, dass er schwäbelt. Doch in der Mentalität seiner Teamkollegen hat er sich jetzt wiedergefunden: „Das sind ganz andere Menschen.“ Man meint herauszuhören: wärmere.

Schnitzeljagd auf Rädern

Eine kleine politische Fußnote gab es auch. Der weiße Luxuszug, mit dem Presse und Ehrengäste neben dem Rennen herchauffiert wurden, hatte orange sein sollen, analog zur Klubfarbe von „Expedizija“. Doch die Bahn schickte ein Schreiben: alles andere, nur kein Orange. Ohne Begründung. Wie es heißt, kam die Anweisung aus höchsten Kreisen. Die Ukrainisierung des Gleisnetzes – sie wurde gerade noch einmal verhindert…

In 100 Stunden durch halb Europa

In 100 Stunden durch halb Europa
In 100 Stunden durch halb Europa

Andere sind die Strecke schon gelaufen. 2000 Kilometer von Berlin nach Moskau. Da kommt man sich als Beifahrerin in einem blank geputzten Mittelklassewagen fast ein bisschen spießig vor. Und überhaupt geht die Reise doch lediglich durch EU-Länder. Die Grenze nach Russland schließlich habe ich schon Dutzende Male passiert, meistens an irgendeinem Flughafenschalter, einmal im Zug – kein Grund zur Aufregung. Das Abenteuer beginnt erst, wenn man Freunden und Kollegen in Deutschland davon erzählt. Um Gottes Willen, mit dem Auto nach Russland. Was da alles passieren kann …

Malbork, Polen

Wenn man am frühen Nachmittag losfährt, kommt man pünktlich zur Nachtruhe im ehemals ostpreußischen Marienburg an. Das Städtchen an der Nogat hat seinen Namen von dem wuchtigen Backsteinbau der deutschen Ordensritter, der als Polens schönste Burganlage gilt. Die Zimmer im Schlosshotel sind noch genauso niedrig wie einst die Krankenkammern der Knechte. Dafür atmet das Haus Geschichte, und das Frühstück ist garantiert keine Schonkost.

Masurische Seenplatte

Im Sommer muss hier das Paradies sein: Hunderte kleiner und größerer Seen, versteckt im Schilf. Dörfchen in die Landschaft geduckt, aber auch imposante Hotelanlagen, Neubauten mit Bootsverleih und Segelkursen. Noch sind die Wasser nicht vom Eise befreit und die Störche die einzigen, die sich einquartieren. Menschenleer auch die Wolfsschanze, Hitlers ehemaliges Hauptquartier mitten im Wald von Gierloz. Wie feiner Samt überzieht Moos die 1944 gesprengten Betonbunker, feiner Nebel liegt auf den steinernen Buchseiten zum Gedenken an General Stauffenberg, der hier dem Grauen ein Ende zu setzen versuchte.

Kaunas, Litauen

Ein super Etappenziel auf dem Weg vom polnischen Gizycko bis ins lettische Visku pagasts, nicht weit von der russischen Grenze. So der Plan. Aus dem gemütlichen Kaffeetrinken im „Grand Café“ am Anfang der berühmten Freiheitsallee wurden dann allerdings anderthalb Tage. Während der Sightseeing-Tour durch die Gassen der Altstadt, hatte uns jemand die Beifahrerscheibe zertrümmert und das Autoradio geklaut. Typisch. Am helllichten Tag, im strömenden Regen. Wenigstens erwies sich der Werkstatttipp von dem netten Typ an der Tankstelle am Montag als sehr nützlich – und bescherte uns wegen der Wartezeit einen echten Sonnentag in Litauens zweitgrößter Stadt. Spaziergang am Ufer der Memel, Shopping im Handtascheneldorado in der Einkaufsmeile, Rumkugeln im Straßencafé. Versöhnt.

In 100 Stunden durch halb Europa

Hotel „Garden“, Lettland

Wer im abendlichen Daugavpils zwischen Plattenbauten und Bahnschienen auf der Suche nach einem Restaurant umherirrt – ohne fündig zu werden, der glaubt wohl eher eine Fata Morgana zu sehen, wenn plötzlich das Hotel „Garden“ hinter einer Tankstelle auftaucht. Eine moderne Glaskonstruktion mit vier Sternen, mitten im Nichts. Die Doppelzimmer sind ausgebucht, aber die Suite mit Kamin, Sauna und Frühstück inklusive, durchaus bezahlbar. In seiner Mondänität hat es etwas Russisches, nicht nur wegen der Umgangssprache.

Russische Weiten

Der Grenzverkehr spiegelt die Außenhandelsbilanz: Zehn Kilometer Laster Richtung Russland, höchstens fünf warten auf der anderen Seite. Als Pkw ist man zum Glück schnell durch – auf der Überholspur am Brummistau vorbei und gerade mal eine Stunde für die Formalitäten. Die Zeit, die man an der Grenze spart, hat man allerdings nach spätestens 50 Kilometern verbummelt: Die Straße ist eine einzige Holperpiste mit metertiefen Schlaglöchern und ausgefahrenen Rändern. Jede kleine Unaufmerksamkeit könnte die Achse kosten. Die letzten 600 Kilometer – eine einzige Tortur. Die Lichter von Moskau, eine einzige Erlösung.

Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen

Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen
Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen

Die jungen Milizionäre im Moskauer Luschniki-Stadion ziehen den Kopf ein und verkriechen sich in ihren Uniformen. Selbst noch halbe Kinder, sollen sie den Fanblock von Terek Grosny bewachen und müssen, weil dort niemand Ärger macht, keinen Finger rühren. Aber darf man diesem Frieden trauen? Von Kaukasiern haben diese Ordnungshüter schließlich schon so allerhand gehört, und genau das scheint ihnen gerade durch den Kopf zu gehen.
Als die Fans bemerken, wie ängstlich sie fixiert werden, stimmen sie ihr „Allahu Akhbar“ gleich noch ein wenig lauter an – und feixen sich eins. Viele lernen, studieren, arbeiten in Moskau, die meisten sind um die 20. Nichts weniger als Fundamentalisten, die noch beim Fußball den Koran zitieren und Andersgläubige erschrecken müssen. Aber wenn das als „Markenzeichen“ von ihnen erwartet wird, bitte sehr! Viel lieber feuern sich die Tschetschenen allerdings gegenseitig beim temperamentvollen Nationaltanz Lesginka an. Für die Miliz ist das der Moment, um klarzustellen, wer hier Respekt vor wem zu haben hat. Irgendein Vorgesetzter schreitet immer ein, damit „der Durchgang frei bleibt“. Die Menge zerstreut sich dann erstaunlich widerspruchslos.
Terek Grosny (benannt nach einem Fluss) gehört seit diesem Jahr zu den 16 Vereinen der höchsten russischen Liga und ist doch ganz anders. Das fängt schon damit an, dass der Klub von 1958 bis 1994, in seinem ersten Leben sozusagen, nie im Oberhaus gespielt hat. Dann kam der Krieg, kein auswärtiges Team war mehr bereit, in Grosny aufzulaufen. Die Mannschaft kickte nur noch auf lokaler Ebene und zerfiel. Neue Namen tauchten auf. 1997 und 1998 war Schamil Bassajew, der berüchtigte Separatistenführer, als Stürmer aktiv und „gar kein schlechter“, wie sich der heutige Sportminister Hajdar Alchanow erinnert. Dann verschwand Terek ganz von der Bildfläche.

Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen

2001 fing der Verein in der Drittklassigkeit wieder an. Für die zwei Aufstiege bis zur „Premier-Liga“ brauchte er nur vier Jahre, inklusive russischem Pokalsieg 2004 und Debüt im europäischen UEFA-Cup, wo immerhin eine Runde überstanden wurde. So ein Tempo gibt es im modernen Fußball eigentlich gar nicht, es sei denn, Mäzene helfen mit stolzen Beträgen nach. Und gewissermaßen haben sie das auch bei Terek getan, nur dass die Rolle des Sponsors der russische Staat übernahm. Irgendwann muss sich die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass nur Investitionen die Lage in Tschetschenien dauerhaft entschärfen können. Und investiert wurde in Terek. Der Verein eignet sich gut als Zeichen für eine „Normalisierung“, die in Wahrheit extrem brüchig ist, und als Feigenblatt dafür, dass in Grosny ansonsten wenig vorangeht. Wladimir Putin gab sogar seine Überparteilichkeit auf und bekannte öffentlich, wie sehr er die Daumen drücke. Auf dem offiziellen Mannschaftsplakat ist gleich das halbe tschetschenische Kabinett mit abgebildet. Vizepremier Ramsan Kadyrow hat das Präsidentenamt innen, als Nachfolger seines Vaters Achmad, der am 9. Mai letzten Jahres einem Attentat zum Opfer fiel. Er hatte 2002 jedem Spieler einen „Wolga“ geschenkt, um damit den Meistertitel in der dritten Liga zu prämieren. Kadyrow soll es auch gewesen sein, der den knorrigen Wait Talgajew überredete, Terek zu trainieren. Talgajew war in Kasachstan, dem Verbannungsort der Tschetschenen unter Stalin, aufgewachsen und hatte es dort bis zum Nationaltrainer gebracht. Er gilt in Grosny als Vater des heutigen sportlichen Erfolgs.
Die laufende Saison, in die Terek mit zwei Niederlagen und einem Sieg gestartet ist, soll ein weiterer Meilenstein werden. Der Einstieg von Großfirmen wie UES, Rosneft und der Wneschtorgbank hat den finanziellen Spielraum erweitert. Russische Zeitungen beziffern das Budget unisono mit 30 Millionen US-Dollar, was in Russland nur von vier Vereinen übertroffen wird. Alchanow dementiert die Zahl allerdings: „Nach jetzigem Stand liegen wir bei fünf Millionen.“ Das hat gereicht, um einige Ex-Nationalspieler zu verpflichten, die nicht weniger verdienen dürften als bei ihren bisherigen Arbeitgebern. Nicht mit Geld aufzuwiegen ist allerdings der Nachteil, die Heimspiele weiterhin in Pjatigorsk, 250 Kilometer von der Heimat, austragen zu müssen. Grosny bietet dafür noch auf absehbare Sicht keine Voraussetzungen. Das Ordschonikidse-Stadion, wo Terek früher vor vollen Rängen spielte, wurde während des Krieges in einen Panzerstützpunkt umfunktioniert und völlig zerstört. Eine neue Arena wird nicht vor 2006 gebaut, übrigens von einer deutschen Firma, wenn es nach Alchanow geht. „Hätten wir unser eigenes Stadion“, meint Talgajew, der mit seiner Mannschaft in Kislowodsk stationiert ist, „wären wir schon ein Jahr früher in die ,Premier-Liga’ aufgestiegen. In Grosny kämen zu jedem Spiel 30 000 Zuschauer.“

Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen

Das ist die andere Seite der polierten Oberfläche. Terek wird auf einer Welle der Sympathie getragen und besitzt eine hohe Symbolkraft für die einfachen Tschetschenen. Dass die Regierung ihren Verein fördert – na und? Wissen wir, wissen wir, wehrt die Basis ab, als wollten die Anhänger sagen: Letztlich hängt es doch von uns ab, ob wir uns vor irgendwessen Karren spannen lassen. So oder so, Terek erfreut sich einer ungeheuren Popularität. „Bei uns“, erzählt Muslim Sadajew, ein eingefleischter Fan, „fiebern alle mit, auch jene, die sich noch nie für Fußball interessiert haben.“ Und sogar die Rebellen in den Bergen, heißt es. Im Dorf Schaami-Jurt versucht Badrudin Lorsanow eine Erklärung, warum: „Wir leben doch von der Hoffnung. An irgendetwas muss man sich festhalten. Wenn du nur an das denkst, was die letzten zehn Jahre hier passiert ist, wirst du doch verrückt.“ Nach dem Pokalsieg soll sich ganz Tschetschenien in den Armen gelegen haben. Kapitän Deni Gaisumow, der schon bei großen russischen Vereinen unter Vertrag stand, berichtet: „So eine Begeisterung habe ich nirgendwo erlebt.“
Im Zentrum von Grosny ist es ein Leichtes, mit der Friseuse Rosa über Fußball ins Gespräch zu kommen, während sie zwischen Offensive und Defensive beim Haarschnitt schwankt und bekennt, dass ihr die Taktik zuletzt nicht sehr gefallen habe. Aber: „Wenn ich das erkenne, erkennt es der Trainer auch.“
Die Fußballschule von Terek legt schon heute das Fundament dafür, dass der Boom nicht kurzlebig ist. 300 Kinder und Jugendliche trainieren hier täglich, auch aus dem 50 Kilometer entfernten Gudermes. Die Straße, an die der Komplex grenzt, wurde früher „Prospekt des Todes“ genannt, wegen der Gefechte und Schusswechsel. Diese Zeiten sind vorbei. Langsam darf auch wieder geträumt werden. Einer der Trainer hat schon damit angefangen: „Kommen Sie 2008 wieder, dann spielt Terek in der Champions League gegen Bayern München.“

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„Dieser Ort hat alles überlebt“

„Dieser Ort hat alles überlebt“
„Dieser Ort hat alles überlebt“

Die Regime kommen und gehen, die „Machallas“ bleiben: Schon seit dem Mittelalter schließen sich in Taschkent Angehörige der gleichen Berufsgruppen zu weitgehend autarken Wohnvierteln zusammen.

Eigentlich ist Batyr Lehrer. Aber jeden zweiten oder dritten Tag zieht es ihn in die Altstadt von Taschkent. In ein Wohnviertel, das geprägt ist von exotischen Lehmziegelbauten aus dem usbekischen Altertum. Zwei Meter hohe Mauern schützen die Bewohner vor den neugierigen Blicken der Vorübergehenden. Sie schließen mehrere einstöckige Häuser und die dazugehörigen Höfe ein. Drinnen sind miteinander verwandte und befreundete Menschen zu sogenannten „Machallas“ vereint, einer sehr alten, typisch usbekischen Form der Nachbarschaftsgemeinde. „Dieser Ort hat alles überlebt“, sagt Batyr: „die frühen Plünderungen der Eroberer, die Zeit Dschinghis Khans und Timur des Lahmen, das schreckliche Erdbeben von 1966 – und Stalin.“

300 Machallas zählt Taschkent derzeit. Knapp die Hälfte der Bevölkerung, rund eine Million Menschen, wohnen hier. Stets waren die Gemeinden die Wächter der usbekischen Tradition und der islamischen Sittlichkeit, die auch im Sozialismus nicht untergingen. Auch heute noch tragen die Frauen hier traditionelle Gewänder, bodenlang und farbenfroh. Und die Tschai-Chanes, die Teestuben, sind nur für Männer geöffnet.

„Dieser Ort hat alles überlebt“Die Menschen fühlen sich als große Familie. Sie unterstützen einander, arbeiten zusammen. „Es ist ein gegenseitiges Nehmen und Geben“, meint Assan, den Batyr seinen Onkel nennt, obwohl er es eigentlich nicht ist. Er gehört nicht einmal zu Batyrs Familie. Aber irgendwann haben sich ihre Urahnen zusammengeschlossen, weil sie das gleiche Gewerbe betrieben. Es gibt Machallas der Klempner, der Schmiede, der Töpfer. Sie bestehen seit dem Mittelalter. Und dank der Wohngemeinschaften war es den Menschen, die mitten in der Stadt leben, möglich, den Kontakt zur Natur nicht zu verlieren. Jeder Hof hat einen kleinen Obst- und Gemüsegarten, jede Familie hält Ziegen und Geflügel, auch wenn sie nicht mehr das traditionelle Gewerbe ihrer Großväter betreiben. Viele sind heute Beamte, Verkäufer oder Lehrer – so wie Batyr.

Ein Ball schnellt über den Hof, verfolgt von ein paar Kindern. Auch Batyr hascht ihm nach, die Kinder feuern ihn an. Es gibt hier viele von ihnen. Eine Familie hat im Schnitt sechs Kinder, die sich immer unter der Aufsicht der Machallas befinden. Deshalb, so die Erwachsenen, sei auch die Kriminalitätsrate in dem alten Stadtviertel extrem niedrig: „Durch die Gemeinschaft führen wir unsere Jugend an das Arbeitsleben heran“, erklärt Batyr. „Wir geben ihnen eine Richtung im Leben.“

Batyrs Freund Salai, ein Arzt aus Buchara, hat es sich währenddessen auf einer Bank bequem gemacht. Eine Tasse, gefüllt mit grünem Tee, dampft auf dem Tisch. Onkel Assan, der das bunte Treiben auf dem Hof von seiner Werkstatt aus beobachtet hat, kommt hinzu. Seine Frau bringt auch ihm einen Tee. „Setz dich zu uns“, sagt er, aber die Frau hastet sofort in ihre Waschküche zurück. „So ist das jetzt immer“, sagt Assan. „Wenn ein Fremder auftaucht, gibt sie sich, wie es die islamische Gesellschaft fordert. Dabei ist der Koran längst nicht so frauenfeindlich wie beispielsweise die Bibel.“

Zu Sowjetzeiten lagen die Dinge anders: Damals integrierten die Machallas-Bewohner als fortschrittlich wahrgenommene Aspekte der Sowjetgesellschaft in ihre Gemeinschaft. „Zum Beispiel den Subbotnik“, erzählt Batyr, und meint damit freiwillige Arbeitseinsätze am Wochenende, mit denen der Bau von Wohnhäusern oder Straßen unterstützt wurde, das Ausheben von Bewässerungsgräben oder die Straßenreinigung. Heute nennt sich der Arbeitseinsatz wieder „Haschar“, doch im Grunde ist es die selbe Sache. Die Organisation wird von einem freiwilligen Komitee übernommen, das aus den angesehensten Männern der Gemeinde besteht. „Zu sowjetischen Zeiten waren auch viele Frauen darunter“, berichtet Onkel Assan.

Nach Artikel 105 der usbekischen Verfassung haben die Machallas das Recht, über alle Fragen, die sie unmittelbar betreffen, selbständig zu entscheiden. Zu ihrem Sprecher wählen die Bewohner wie vor Jahrhunderten einen weisen Alten, einen „Aksakal“, was „Weißbart“ bedeutet. Er erfüllt im Wohnviertel oft die Funktion eines Richters und Mullahs. Ebenso haben die Bürgerversammlungen das Recht, eigene Kandidaten für das Parlament aufzustellen.

Die Wohngemeinschaft betreut ihre kranken und unterbemittelten Mitglieder, erzieht die Kinder gemeinsam und ersetzt staatliche Institutionen wie Kindergarten und Sozialversicherung. „Unter Usbeken sind europäische Einrichtungen wie Senioren- und Pflegeheime völlig unbekannt“, erzählt Batyr. „Unsere Eltern bleiben bis zum Tod in unserer Mitte.“ Es ist eine Schande für jeden Usbeken, betagte Mütter oder Väter dem Staat zur Pflege zu überlassen. Sie schätzen ihre Alten, sagen sie, ihr Wort wiege mehr als die stürmischen Sätze der Jugend, auch wenn die meist lauter seien.

Als es Abend wird, wirft Batyr die Kelle und den Hammer in die Budde. Für ihn gehört das Arbeiten in den Machallas genau so zu einem ausgefüllten Leben wie der Lehrerberuf und sein jahrelanges Studium der usbekischen Geschichte. „Die Machallas“, stellt er fest, „sind für mich die zukunftsträchtigste Lebensform in Usbekistan.“

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Bauen auf Vergangenheit

Bauen auf Vergangenheit
Bauen auf Vergangenheit

Tino Künzel
Bild: Tino Künzel

Der Augenschein sagt: Kaliningrad ist eine junge Stadt. Die Geschichte sagt: Kaliningrad heißt so seit dem 4. Juli 1946 und wurde nach dem Stalinisten Michail Kalinin benannt, um die Abgrenzung von der deutschen Vergangenheit der in Trümmern liegenden sowjetischen Kriegsbeute Königsberg auch nomen est omen zu dokumentieren.Bauen auf Vergangenheit Der Kalender sagt: Beim traditionellen Stadtfest, dessen Datum auf diese Neugründung Bezug nimmt, werden diesmal vom 1.bis 3. Juli „750 Jahre Kaliningrad“ gefeiert. Das ist natürlich ein historischer Rösselsprung der eigenartigsten Sorte. Andererseits bedeutet es zumindest eine Rückbesinnung auf Wurzeln, die älter sind als die vergleichsweise kurze sozialistische Episode. Und so beruft sich das russische Kaliningrad nun also auch auf fast 700 Jahre deutsches Erbe und begeht die Befestigung Königsbergs durch den Deutschen Orden 1255, ohne dass allerdings der Umkehrschluss gelten darf: dass auch Königsberg 750 wird und kein abgeschlossenes Kapitel ist. Das führte zu allerlei Verrenkungen und Interventionen Moskaus, die zwischendurch in dem Motto gipfelten: „60 Jahre Sturm auf Königsberg. 750 Jahre unsere Stadt.“

Zugegebenermaßen ist es tatsächlich knifflig, einen Modus Vivendi zu finden für „unsere Stadt“, wo sich das „davor“ und das „danach“ so grundlegend unterscheiden. Wo der Name Kaliningrad schon heute ein Anachronismus ist, aber eine Rückbenennung auf erheblich mehr Vorbehalte stößt als in Twer (zu Sowjetzeiten Kalinin) oder Koroljow bei Moskau (Kaliningrad). Das Wichtigste mag einstweilen sein, dass überhaupt gefeiert wird, denn die Aufmerksamkeit tut der Gebietshauptstadt der Kaliningrader Oblast, isoliert zwischen Polen, Litauen und der Ostsee gelegen, sichtlich gut. Wie immer vor solchen Jubiläen wurden beträchtliche Gelder locker gemacht, die ausreichten, um die Stadt in eine Großbaustelle zu verwandeln. Ambitionierte Neubauten, renovierte Häuser und ausgebesserte Straßen sind ein bleibender Effekt. Bauen auf VergangenheitDabei lief vieles schleppend an, das staatliche Investitionsprogramm in Höhe von 1,5 Milliarden Rubel wurde erst am 7. Februar unterschrieben, dann bekamen sich auch noch Bürgermeister Jurij Sawenko und Wirtschaftsminister German Gref – der das Festkomitee leitet – in die Haare. Und so wurden die Bauprojekte anschließend im Akkord vorangetrieben.

Das aufwändig rekonstruierte Königstor ziert die offizielle Festsymbolik. Der Platz des Sieges (vormals Hansa- und danach Adolf-Hitler-Platz), bis vor kurzem noch ein asphaltiertes Nichts mit Lenin-Denkmal, ist heute schönster Fußweg in der Innenstadt und ihr neues Herz. Es schlägt zwischen Rathaus, Geschäftszentren und der Christus-Erlöser-Kathedrale, Russlands künftig zweitgrößtem Kirchenbau, äußerlich so gut wie fertig. Dieses Ensemble könnte dazu beitragen, der Stadt von Immanuel Kant, in der auch Käthe Kollwitz, Leah Rabin und Ludmilla Putina, die Frau von Präsident Wladimir Putin, geboren wurden, wieder zu einer eigenen Identität zu verhelfen. Das historische Zentrum liegt noch brach. Die Ruine des ausgebrannten Stadtschlosses war 1967 gesprengt worden. Quasi als Antithese dazu wuchs nebenan, über dem zugeschütteten Burggraben, wo zuletzt die Reichsbank gestanden hatte, das 16-stöckige „Haus der Sowjets“ empor. Bauen auf VergangenheitWegen statischer Probleme wurde es jedoch nie fertig gestellt, eine steinerne Saga von Ehrgeiz und Scheitern des Sozialismus. Dieses Ungetüm stand Jahrzehnte lang leer, diente Obdachlosen als Asyl und Jugendlichen als Mutprobe. Jetzt wird es aufgehübscht, mit frischer Farbe und Fenstern. Über seine künftige Verwendung gibt es diverse Gedankenspiele, auch in Verbindung mit einem Teilaufbau des Schlosses. Leider ist das nächste Jubiläum noch fern.

Urlaub, alle inklusive

Urlaub, alle inklusive
Urlaub, alle inklusive

Angeklopft. Sprüchlein aufgesagt. Schulterzucken geerntet. Nein, ein Einbettzimmer haben sie hier nicht, teilt der Hausherr ohne sichtliches Bedauern mit. Aber man könne es ja bei den Nachbarn versuchen, in der Siedlung vermieteten schließlich fast alle. Am Grundstückstor nebenan wird auch tatsächlich „Schiljo“, Unterkunft, angepriesen. Aber es gibt eine Fußnote auf dem Schild: „Ab vier Personen.“

Urlaub, alle inklusiveDas ist Anapa. Der nördlichste Kurort an der russischen Schwarzmeerküste lebt vom Tourismus. Aber der Tourist sollte am besten zahlreich sein. Auf Einzelreisende sind weder die meisten Privatanbieter noch Ferienheime eingestellt. Und auch nicht sonderlich scharf. Dass sich am Ende natürlich trotzdem ein vernünftiges Plätzchen findet, zudem schon ab 200 Rubel pro Nacht, umgerechnet kaum sechs Euro, versteht sich in Russland von selbst.

Der Urlaub in Anapa, einer unspektakulären Kleinstadt im Grünen mit einstöckigen Wohnhäusern am rasterförmigen Straßennetz, fängt traditionell mit solcher Art von Quartiersuche an. Denn das macht ihn für viele überhaupt erst erschwinglich. Für die dreiköpfige Familie aus Woskressensk bei Moskau zum Beispiel. Den kompletten Aufenthalt schon im Reisebüro zu buchen, hätte sie sich nicht leisten können. Und ist einfach auf gut Glück losgefahren. Der zweijährigen Tochter läuft ständig die Nase, ihre Mutter wundert sich darüber längst nicht mehr: „Bei uns in der Stadt verpesten zwei Chemiewerke die Luft. 80 Prozent der Kinder sind krank.“ Und so hat der Arzt geraten, diesen Sommer nicht wie sonst auf der Datscha zu verbringen, sondern am Meer. Zwei Wochen mindestens.

Anapa, 1 500 Kilometer von Moskau, 360 Kilometer von Sotschi und 100 Kilometer von der Krim entfernt, ist ein Inbegriff für Kinder- und Familienerholung. Die Natur hat dafür die Argumente geliefert. Mehr Sonnenstunden werden nirgendwo an der „russischen Riviera“ gemessen. 40 Kilometer Sandstrand sind einzigartig an der Küste, deren subtropischer Süden nur noch Kiesel zu bieten hat. Die Dünen türmen sich stellenweise bis zu 15 Meter auf. Ein paar Strandkörbe – und man könnte sich an der Ostsee wähnen. Allerdings ist das Wasser wärmer, 25 Grad jetzt im August. Und der flache Uferabschnitt lässt selbst Kleinkinder nach Herzenslust herumplanschen, ohne dass sich ihre Eltern Sorgen machen müssten.

Mehr als 30 Pionierlager fädelten sich zu Sowjetzeiten entlang des Strandes auf, gebaut in den dreißiger Jahren. Einige existieren bis heute, teils im überlieferten Zustand. Am Pionerskij Prospekt, der zwölf Kilometer langen Arterie des Urlaubsvergnügens, befinden sich aber auch viele Kureinrichtungen. Von den 200 Sanatorien im Ort betreut fast ein Drittel Kinder im Schulalter.

Urlaub, alle inklusiveMit einer Million Gästen pro Saison ist Anapa nach Sotschi das zweitpopulärste russische Ferienziel am Schwarzen Meer. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, sie seien alle auf einmal da. Die zentrumsnahen Strände sind nur Leuten zu empfehlen, die sich bei der Herfahrt im Dritte-Klasse-Waggon mit seinen 54 Betten an zu viel Platz gestört haben. Es gehört einige Vorsicht dazu, nur den eigenen Körper einzucremen – und nicht fremde aus Versehen gleich mit. Dafür sind die Wege zur Stolowaja, zum Eisstand oder Obsthändler kurz. Wer nicht im Ferienheim verpflegt wird, weiß das zu schätzen. Und dann ist da ja noch das Arsenal an flüssigem bis überflüssigem Zeitvertreib. Zum obligatorischen Aquapark (600 Rubel Eintritt) sind es vom Strand nur ein paar Schritte. Angler lockt ein anderes Binnenwassererlebnis – ein See – um die Ecke. Dazwischen ist Anapa ein einziger Jahrmarkt. Die den Trubel schlechter vertragen, sagen auch: ein Basar. Von der Fahrradrikscha bis zum Massagezelt, vom Riesenrad bis zum Tätowierstudio unter freiem Himmel, vom improvisierten Friseursalon für Rastalocken bis zu Klapptischen mit allem erdenklichen Klimbim wimmelt es nur so von Geschäftsideen.Urlaub, alle inklusive Die akustische Grundierung kommt aus den Cafés und Restaurants, die es sich zur Ehre gereichen lassen, leistungsstarke Boxen zu besitzen. Und immer wieder: „Schiljo“. Schon an den Einfallsstraßen postieren sich die Vermieter mit Reklametafeln.

Anapa muss sich anstrengen. Zum einen dauert die Saison nur von Mai bis Oktober, danach versiegt der Tourismus als Einnahmequelle für ein halbes Jahr. Zum anderen wächst die Konkurrenz. Nicht so sehr durch die altbekannten Mitbewerber Noworossijsk, Gelendschik oder Tuapse die Küste runter, sondern durch das Ausland: Türkei, Zypern, Ägypten. Seit sich die Preise angenähert haben, wird zunehmend verglichen. Und beinahe jeder Gast – insbesondere jeder unzufriedene – führt neuerdings das Wort „Service“ im Mund. Anapa ist jahrelang vor allem bunter geworden und auf sowjetische Art eine einfache Seele geblieben, ohne viel Etikette. Und ohne großes „Konzept“ für den Badeurlaub. Nun, so hört man, seien die Besucherzahlen rückläufig. Wenn das stimmt, dann hat es auch seine guten Seiten: Noch voller sollten Strand und Innenstadt nämlich wirklich nicht sein.