Bauen auf Vergangenheit

Bauen auf Vergangenheit
Bauen auf Vergangenheit

Tino Künzel
Bild: Tino Künzel

Der Augenschein sagt: Kaliningrad ist eine junge Stadt. Die Geschichte sagt: Kaliningrad heißt so seit dem 4. Juli 1946 und wurde nach dem Stalinisten Michail Kalinin benannt, um die Abgrenzung von der deutschen Vergangenheit der in Trümmern liegenden sowjetischen Kriegsbeute Königsberg auch nomen est omen zu dokumentieren.Bauen auf Vergangenheit Der Kalender sagt: Beim traditionellen Stadtfest, dessen Datum auf diese Neugründung Bezug nimmt, werden diesmal vom 1.bis 3. Juli „750 Jahre Kaliningrad“ gefeiert. Das ist natürlich ein historischer Rösselsprung der eigenartigsten Sorte. Andererseits bedeutet es zumindest eine Rückbesinnung auf Wurzeln, die älter sind als die vergleichsweise kurze sozialistische Episode. Und so beruft sich das russische Kaliningrad nun also auch auf fast 700 Jahre deutsches Erbe und begeht die Befestigung Königsbergs durch den Deutschen Orden 1255, ohne dass allerdings der Umkehrschluss gelten darf: dass auch Königsberg 750 wird und kein abgeschlossenes Kapitel ist. Das führte zu allerlei Verrenkungen und Interventionen Moskaus, die zwischendurch in dem Motto gipfelten: „60 Jahre Sturm auf Königsberg. 750 Jahre unsere Stadt.“

Zugegebenermaßen ist es tatsächlich knifflig, einen Modus Vivendi zu finden für „unsere Stadt“, wo sich das „davor“ und das „danach“ so grundlegend unterscheiden. Wo der Name Kaliningrad schon heute ein Anachronismus ist, aber eine Rückbenennung auf erheblich mehr Vorbehalte stößt als in Twer (zu Sowjetzeiten Kalinin) oder Koroljow bei Moskau (Kaliningrad). Das Wichtigste mag einstweilen sein, dass überhaupt gefeiert wird, denn die Aufmerksamkeit tut der Gebietshauptstadt der Kaliningrader Oblast, isoliert zwischen Polen, Litauen und der Ostsee gelegen, sichtlich gut. Wie immer vor solchen Jubiläen wurden beträchtliche Gelder locker gemacht, die ausreichten, um die Stadt in eine Großbaustelle zu verwandeln. Ambitionierte Neubauten, renovierte Häuser und ausgebesserte Straßen sind ein bleibender Effekt. Bauen auf VergangenheitDabei lief vieles schleppend an, das staatliche Investitionsprogramm in Höhe von 1,5 Milliarden Rubel wurde erst am 7. Februar unterschrieben, dann bekamen sich auch noch Bürgermeister Jurij Sawenko und Wirtschaftsminister German Gref – der das Festkomitee leitet – in die Haare. Und so wurden die Bauprojekte anschließend im Akkord vorangetrieben.

Das aufwändig rekonstruierte Königstor ziert die offizielle Festsymbolik. Der Platz des Sieges (vormals Hansa- und danach Adolf-Hitler-Platz), bis vor kurzem noch ein asphaltiertes Nichts mit Lenin-Denkmal, ist heute schönster Fußweg in der Innenstadt und ihr neues Herz. Es schlägt zwischen Rathaus, Geschäftszentren und der Christus-Erlöser-Kathedrale, Russlands künftig zweitgrößtem Kirchenbau, äußerlich so gut wie fertig. Dieses Ensemble könnte dazu beitragen, der Stadt von Immanuel Kant, in der auch Käthe Kollwitz, Leah Rabin und Ludmilla Putina, die Frau von Präsident Wladimir Putin, geboren wurden, wieder zu einer eigenen Identität zu verhelfen. Das historische Zentrum liegt noch brach. Die Ruine des ausgebrannten Stadtschlosses war 1967 gesprengt worden. Quasi als Antithese dazu wuchs nebenan, über dem zugeschütteten Burggraben, wo zuletzt die Reichsbank gestanden hatte, das 16-stöckige „Haus der Sowjets“ empor. Bauen auf VergangenheitWegen statischer Probleme wurde es jedoch nie fertig gestellt, eine steinerne Saga von Ehrgeiz und Scheitern des Sozialismus. Dieses Ungetüm stand Jahrzehnte lang leer, diente Obdachlosen als Asyl und Jugendlichen als Mutprobe. Jetzt wird es aufgehübscht, mit frischer Farbe und Fenstern. Über seine künftige Verwendung gibt es diverse Gedankenspiele, auch in Verbindung mit einem Teilaufbau des Schlosses. Leider ist das nächste Jubiläum noch fern.

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