In 100 Stunden durch halb Europa

In 100 Stunden durch halb Europa
In 100 Stunden durch halb Europa

Andere sind die Strecke schon gelaufen. 2000 Kilometer von Berlin nach Moskau. Da kommt man sich als Beifahrerin in einem blank geputzten Mittelklassewagen fast ein bisschen spießig vor. Und überhaupt geht die Reise doch lediglich durch EU-Länder. Die Grenze nach Russland schließlich habe ich schon Dutzende Male passiert, meistens an irgendeinem Flughafenschalter, einmal im Zug – kein Grund zur Aufregung. Das Abenteuer beginnt erst, wenn man Freunden und Kollegen in Deutschland davon erzählt. Um Gottes Willen, mit dem Auto nach Russland. Was da alles passieren kann …

Malbork, Polen

Wenn man am frühen Nachmittag losfährt, kommt man pünktlich zur Nachtruhe im ehemals ostpreußischen Marienburg an. Das Städtchen an der Nogat hat seinen Namen von dem wuchtigen Backsteinbau der deutschen Ordensritter, der als Polens schönste Burganlage gilt. Die Zimmer im Schlosshotel sind noch genauso niedrig wie einst die Krankenkammern der Knechte. Dafür atmet das Haus Geschichte, und das Frühstück ist garantiert keine Schonkost.

Masurische Seenplatte

Im Sommer muss hier das Paradies sein: Hunderte kleiner und größerer Seen, versteckt im Schilf. Dörfchen in die Landschaft geduckt, aber auch imposante Hotelanlagen, Neubauten mit Bootsverleih und Segelkursen. Noch sind die Wasser nicht vom Eise befreit und die Störche die einzigen, die sich einquartieren. Menschenleer auch die Wolfsschanze, Hitlers ehemaliges Hauptquartier mitten im Wald von Gierloz. Wie feiner Samt überzieht Moos die 1944 gesprengten Betonbunker, feiner Nebel liegt auf den steinernen Buchseiten zum Gedenken an General Stauffenberg, der hier dem Grauen ein Ende zu setzen versuchte.

Kaunas, Litauen

Ein super Etappenziel auf dem Weg vom polnischen Gizycko bis ins lettische Visku pagasts, nicht weit von der russischen Grenze. So der Plan. Aus dem gemütlichen Kaffeetrinken im „Grand Café“ am Anfang der berühmten Freiheitsallee wurden dann allerdings anderthalb Tage. Während der Sightseeing-Tour durch die Gassen der Altstadt, hatte uns jemand die Beifahrerscheibe zertrümmert und das Autoradio geklaut. Typisch. Am helllichten Tag, im strömenden Regen. Wenigstens erwies sich der Werkstatttipp von dem netten Typ an der Tankstelle am Montag als sehr nützlich – und bescherte uns wegen der Wartezeit einen echten Sonnentag in Litauens zweitgrößter Stadt. Spaziergang am Ufer der Memel, Shopping im Handtascheneldorado in der Einkaufsmeile, Rumkugeln im Straßencafé. Versöhnt.

In 100 Stunden durch halb Europa

Hotel „Garden“, Lettland

Wer im abendlichen Daugavpils zwischen Plattenbauten und Bahnschienen auf der Suche nach einem Restaurant umherirrt – ohne fündig zu werden, der glaubt wohl eher eine Fata Morgana zu sehen, wenn plötzlich das Hotel „Garden“ hinter einer Tankstelle auftaucht. Eine moderne Glaskonstruktion mit vier Sternen, mitten im Nichts. Die Doppelzimmer sind ausgebucht, aber die Suite mit Kamin, Sauna und Frühstück inklusive, durchaus bezahlbar. In seiner Mondänität hat es etwas Russisches, nicht nur wegen der Umgangssprache.

Russische Weiten

Der Grenzverkehr spiegelt die Außenhandelsbilanz: Zehn Kilometer Laster Richtung Russland, höchstens fünf warten auf der anderen Seite. Als Pkw ist man zum Glück schnell durch – auf der Überholspur am Brummistau vorbei und gerade mal eine Stunde für die Formalitäten. Die Zeit, die man an der Grenze spart, hat man allerdings nach spätestens 50 Kilometern verbummelt: Die Straße ist eine einzige Holperpiste mit metertiefen Schlaglöchern und ausgefahrenen Rändern. Jede kleine Unaufmerksamkeit könnte die Achse kosten. Die letzten 600 Kilometer – eine einzige Tortur. Die Lichter von Moskau, eine einzige Erlösung.

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