Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen

Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen
Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen

Die jungen Milizionäre im Moskauer Luschniki-Stadion ziehen den Kopf ein und verkriechen sich in ihren Uniformen. Selbst noch halbe Kinder, sollen sie den Fanblock von Terek Grosny bewachen und müssen, weil dort niemand Ärger macht, keinen Finger rühren. Aber darf man diesem Frieden trauen? Von Kaukasiern haben diese Ordnungshüter schließlich schon so allerhand gehört, und genau das scheint ihnen gerade durch den Kopf zu gehen.
Als die Fans bemerken, wie ängstlich sie fixiert werden, stimmen sie ihr „Allahu Akhbar“ gleich noch ein wenig lauter an – und feixen sich eins. Viele lernen, studieren, arbeiten in Moskau, die meisten sind um die 20. Nichts weniger als Fundamentalisten, die noch beim Fußball den Koran zitieren und Andersgläubige erschrecken müssen. Aber wenn das als „Markenzeichen“ von ihnen erwartet wird, bitte sehr! Viel lieber feuern sich die Tschetschenen allerdings gegenseitig beim temperamentvollen Nationaltanz Lesginka an. Für die Miliz ist das der Moment, um klarzustellen, wer hier Respekt vor wem zu haben hat. Irgendein Vorgesetzter schreitet immer ein, damit „der Durchgang frei bleibt“. Die Menge zerstreut sich dann erstaunlich widerspruchslos.
Terek Grosny (benannt nach einem Fluss) gehört seit diesem Jahr zu den 16 Vereinen der höchsten russischen Liga und ist doch ganz anders. Das fängt schon damit an, dass der Klub von 1958 bis 1994, in seinem ersten Leben sozusagen, nie im Oberhaus gespielt hat. Dann kam der Krieg, kein auswärtiges Team war mehr bereit, in Grosny aufzulaufen. Die Mannschaft kickte nur noch auf lokaler Ebene und zerfiel. Neue Namen tauchten auf. 1997 und 1998 war Schamil Bassajew, der berüchtigte Separatistenführer, als Stürmer aktiv und „gar kein schlechter“, wie sich der heutige Sportminister Hajdar Alchanow erinnert. Dann verschwand Terek ganz von der Bildfläche.

Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen

2001 fing der Verein in der Drittklassigkeit wieder an. Für die zwei Aufstiege bis zur „Premier-Liga“ brauchte er nur vier Jahre, inklusive russischem Pokalsieg 2004 und Debüt im europäischen UEFA-Cup, wo immerhin eine Runde überstanden wurde. So ein Tempo gibt es im modernen Fußball eigentlich gar nicht, es sei denn, Mäzene helfen mit stolzen Beträgen nach. Und gewissermaßen haben sie das auch bei Terek getan, nur dass die Rolle des Sponsors der russische Staat übernahm. Irgendwann muss sich die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass nur Investitionen die Lage in Tschetschenien dauerhaft entschärfen können. Und investiert wurde in Terek. Der Verein eignet sich gut als Zeichen für eine „Normalisierung“, die in Wahrheit extrem brüchig ist, und als Feigenblatt dafür, dass in Grosny ansonsten wenig vorangeht. Wladimir Putin gab sogar seine Überparteilichkeit auf und bekannte öffentlich, wie sehr er die Daumen drücke. Auf dem offiziellen Mannschaftsplakat ist gleich das halbe tschetschenische Kabinett mit abgebildet. Vizepremier Ramsan Kadyrow hat das Präsidentenamt innen, als Nachfolger seines Vaters Achmad, der am 9. Mai letzten Jahres einem Attentat zum Opfer fiel. Er hatte 2002 jedem Spieler einen „Wolga“ geschenkt, um damit den Meistertitel in der dritten Liga zu prämieren. Kadyrow soll es auch gewesen sein, der den knorrigen Wait Talgajew überredete, Terek zu trainieren. Talgajew war in Kasachstan, dem Verbannungsort der Tschetschenen unter Stalin, aufgewachsen und hatte es dort bis zum Nationaltrainer gebracht. Er gilt in Grosny als Vater des heutigen sportlichen Erfolgs.
Die laufende Saison, in die Terek mit zwei Niederlagen und einem Sieg gestartet ist, soll ein weiterer Meilenstein werden. Der Einstieg von Großfirmen wie UES, Rosneft und der Wneschtorgbank hat den finanziellen Spielraum erweitert. Russische Zeitungen beziffern das Budget unisono mit 30 Millionen US-Dollar, was in Russland nur von vier Vereinen übertroffen wird. Alchanow dementiert die Zahl allerdings: „Nach jetzigem Stand liegen wir bei fünf Millionen.“ Das hat gereicht, um einige Ex-Nationalspieler zu verpflichten, die nicht weniger verdienen dürften als bei ihren bisherigen Arbeitgebern. Nicht mit Geld aufzuwiegen ist allerdings der Nachteil, die Heimspiele weiterhin in Pjatigorsk, 250 Kilometer von der Heimat, austragen zu müssen. Grosny bietet dafür noch auf absehbare Sicht keine Voraussetzungen. Das Ordschonikidse-Stadion, wo Terek früher vor vollen Rängen spielte, wurde während des Krieges in einen Panzerstützpunkt umfunktioniert und völlig zerstört. Eine neue Arena wird nicht vor 2006 gebaut, übrigens von einer deutschen Firma, wenn es nach Alchanow geht. „Hätten wir unser eigenes Stadion“, meint Talgajew, der mit seiner Mannschaft in Kislowodsk stationiert ist, „wären wir schon ein Jahr früher in die ,Premier-Liga’ aufgestiegen. In Grosny kämen zu jedem Spiel 30 000 Zuschauer.“

Terek Grosny spielt Fußball zum Vergessen

Das ist die andere Seite der polierten Oberfläche. Terek wird auf einer Welle der Sympathie getragen und besitzt eine hohe Symbolkraft für die einfachen Tschetschenen. Dass die Regierung ihren Verein fördert – na und? Wissen wir, wissen wir, wehrt die Basis ab, als wollten die Anhänger sagen: Letztlich hängt es doch von uns ab, ob wir uns vor irgendwessen Karren spannen lassen. So oder so, Terek erfreut sich einer ungeheuren Popularität. „Bei uns“, erzählt Muslim Sadajew, ein eingefleischter Fan, „fiebern alle mit, auch jene, die sich noch nie für Fußball interessiert haben.“ Und sogar die Rebellen in den Bergen, heißt es. Im Dorf Schaami-Jurt versucht Badrudin Lorsanow eine Erklärung, warum: „Wir leben doch von der Hoffnung. An irgendetwas muss man sich festhalten. Wenn du nur an das denkst, was die letzten zehn Jahre hier passiert ist, wirst du doch verrückt.“ Nach dem Pokalsieg soll sich ganz Tschetschenien in den Armen gelegen haben. Kapitän Deni Gaisumow, der schon bei großen russischen Vereinen unter Vertrag stand, berichtet: „So eine Begeisterung habe ich nirgendwo erlebt.“
Im Zentrum von Grosny ist es ein Leichtes, mit der Friseuse Rosa über Fußball ins Gespräch zu kommen, während sie zwischen Offensive und Defensive beim Haarschnitt schwankt und bekennt, dass ihr die Taktik zuletzt nicht sehr gefallen habe. Aber: „Wenn ich das erkenne, erkennt es der Trainer auch.“
Die Fußballschule von Terek legt schon heute das Fundament dafür, dass der Boom nicht kurzlebig ist. 300 Kinder und Jugendliche trainieren hier täglich, auch aus dem 50 Kilometer entfernten Gudermes. Die Straße, an die der Komplex grenzt, wurde früher „Prospekt des Todes“ genannt, wegen der Gefechte und Schusswechsel. Diese Zeiten sind vorbei. Langsam darf auch wieder geträumt werden. Einer der Trainer hat schon damit angefangen: „Kommen Sie 2008 wieder, dann spielt Terek in der Champions League gegen Bayern München.“

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