Urlaub, alle inklusive

Urlaub, alle inklusive
Urlaub, alle inklusive

Angeklopft. Sprüchlein aufgesagt. Schulterzucken geerntet. Nein, ein Einbettzimmer haben sie hier nicht, teilt der Hausherr ohne sichtliches Bedauern mit. Aber man könne es ja bei den Nachbarn versuchen, in der Siedlung vermieteten schließlich fast alle. Am Grundstückstor nebenan wird auch tatsächlich „Schiljo“, Unterkunft, angepriesen. Aber es gibt eine Fußnote auf dem Schild: „Ab vier Personen.“

Urlaub, alle inklusiveDas ist Anapa. Der nördlichste Kurort an der russischen Schwarzmeerküste lebt vom Tourismus. Aber der Tourist sollte am besten zahlreich sein. Auf Einzelreisende sind weder die meisten Privatanbieter noch Ferienheime eingestellt. Und auch nicht sonderlich scharf. Dass sich am Ende natürlich trotzdem ein vernünftiges Plätzchen findet, zudem schon ab 200 Rubel pro Nacht, umgerechnet kaum sechs Euro, versteht sich in Russland von selbst.

Der Urlaub in Anapa, einer unspektakulären Kleinstadt im Grünen mit einstöckigen Wohnhäusern am rasterförmigen Straßennetz, fängt traditionell mit solcher Art von Quartiersuche an. Denn das macht ihn für viele überhaupt erst erschwinglich. Für die dreiköpfige Familie aus Woskressensk bei Moskau zum Beispiel. Den kompletten Aufenthalt schon im Reisebüro zu buchen, hätte sie sich nicht leisten können. Und ist einfach auf gut Glück losgefahren. Der zweijährigen Tochter läuft ständig die Nase, ihre Mutter wundert sich darüber längst nicht mehr: „Bei uns in der Stadt verpesten zwei Chemiewerke die Luft. 80 Prozent der Kinder sind krank.“ Und so hat der Arzt geraten, diesen Sommer nicht wie sonst auf der Datscha zu verbringen, sondern am Meer. Zwei Wochen mindestens.

Anapa, 1 500 Kilometer von Moskau, 360 Kilometer von Sotschi und 100 Kilometer von der Krim entfernt, ist ein Inbegriff für Kinder- und Familienerholung. Die Natur hat dafür die Argumente geliefert. Mehr Sonnenstunden werden nirgendwo an der „russischen Riviera“ gemessen. 40 Kilometer Sandstrand sind einzigartig an der Küste, deren subtropischer Süden nur noch Kiesel zu bieten hat. Die Dünen türmen sich stellenweise bis zu 15 Meter auf. Ein paar Strandkörbe – und man könnte sich an der Ostsee wähnen. Allerdings ist das Wasser wärmer, 25 Grad jetzt im August. Und der flache Uferabschnitt lässt selbst Kleinkinder nach Herzenslust herumplanschen, ohne dass sich ihre Eltern Sorgen machen müssten.

Mehr als 30 Pionierlager fädelten sich zu Sowjetzeiten entlang des Strandes auf, gebaut in den dreißiger Jahren. Einige existieren bis heute, teils im überlieferten Zustand. Am Pionerskij Prospekt, der zwölf Kilometer langen Arterie des Urlaubsvergnügens, befinden sich aber auch viele Kureinrichtungen. Von den 200 Sanatorien im Ort betreut fast ein Drittel Kinder im Schulalter.

Urlaub, alle inklusiveMit einer Million Gästen pro Saison ist Anapa nach Sotschi das zweitpopulärste russische Ferienziel am Schwarzen Meer. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, sie seien alle auf einmal da. Die zentrumsnahen Strände sind nur Leuten zu empfehlen, die sich bei der Herfahrt im Dritte-Klasse-Waggon mit seinen 54 Betten an zu viel Platz gestört haben. Es gehört einige Vorsicht dazu, nur den eigenen Körper einzucremen – und nicht fremde aus Versehen gleich mit. Dafür sind die Wege zur Stolowaja, zum Eisstand oder Obsthändler kurz. Wer nicht im Ferienheim verpflegt wird, weiß das zu schätzen. Und dann ist da ja noch das Arsenal an flüssigem bis überflüssigem Zeitvertreib. Zum obligatorischen Aquapark (600 Rubel Eintritt) sind es vom Strand nur ein paar Schritte. Angler lockt ein anderes Binnenwassererlebnis – ein See – um die Ecke. Dazwischen ist Anapa ein einziger Jahrmarkt. Die den Trubel schlechter vertragen, sagen auch: ein Basar. Von der Fahrradrikscha bis zum Massagezelt, vom Riesenrad bis zum Tätowierstudio unter freiem Himmel, vom improvisierten Friseursalon für Rastalocken bis zu Klapptischen mit allem erdenklichen Klimbim wimmelt es nur so von Geschäftsideen.Urlaub, alle inklusive Die akustische Grundierung kommt aus den Cafés und Restaurants, die es sich zur Ehre gereichen lassen, leistungsstarke Boxen zu besitzen. Und immer wieder: „Schiljo“. Schon an den Einfallsstraßen postieren sich die Vermieter mit Reklametafeln.

Anapa muss sich anstrengen. Zum einen dauert die Saison nur von Mai bis Oktober, danach versiegt der Tourismus als Einnahmequelle für ein halbes Jahr. Zum anderen wächst die Konkurrenz. Nicht so sehr durch die altbekannten Mitbewerber Noworossijsk, Gelendschik oder Tuapse die Küste runter, sondern durch das Ausland: Türkei, Zypern, Ägypten. Seit sich die Preise angenähert haben, wird zunehmend verglichen. Und beinahe jeder Gast – insbesondere jeder unzufriedene – führt neuerdings das Wort „Service“ im Mund. Anapa ist jahrelang vor allem bunter geworden und auf sowjetische Art eine einfache Seele geblieben, ohne viel Etikette. Und ohne großes „Konzept“ für den Badeurlaub. Nun, so hört man, seien die Besucherzahlen rückläufig. Wenn das stimmt, dann hat es auch seine guten Seiten: Noch voller sollten Strand und Innenstadt nämlich wirklich nicht sein.

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